Die Beichte2018-10-21T10:53:05+00:00

Gedanken zum Thema „Barmherzigkeit“ und „Beichte“

Historischer Beichtstuhl in der Kathedrale von Bergamo, Italien

Vor zwei Jahren hat Papst Franziskus das heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. In Rom ist es eine gute Tradition, die heiligen Pforten der vier großen  päpstlichen Kirchen zu öffnen, also St. Peter im Vatican, Santa Maria Maggiore, Sankt Johannes im Lateran und St. Paul vor den Mauern. Jede dieser Kirchen hat eine Eingangstür, die immer verschlossen ist – außer in den sogenannten „Heiligen Jahren“. Wer also in einem Heiligen Jahr als Pilger nach Rom kommt, hat die Gelegenheit durch diese Türen, die dann meist auch besonders geschmückt sind, die großen Kirchen zu betreten. Ein starkes Symbol sind diese Türen für die Einladung Gottes, so wie wir sind seine Nähe zu suchen. Mit dem heiligen Jahr der Barmherzigkeit ist es dem Papst ein großes Anliegen, dass es nicht nur an den römischen Kirchen solche heiligen Pforten gibt, sondern auf der ganzen Welt. Jeder soll in der Lage sein, mit möglichst wenig Aufwand eine Kirche zu  finden, die er durch eine heilige Pforte betreten kann. „Heilige Pforte der Barmherzigkeit“ – so nennt der Papst diese Türen. „Barmherzigkeit“ – das ist ein etwas
altertümliches Wort. Eine schöne und für mich beeindruckende Deutung ergab sich vor einiger Zeit im Gespräch mit Kindern. Wir schauten das Wort an, das der Gruppe etwas fremd vorkam. Dann sagte eines der Kinder: „Mitten in dem Wort, da steht ja HERZ“, und ein anderes Kind fügte sofort hinzu „und davor steht ARM.“ – Und damit war der Weg zur Deutung nicht mehr weit. Barmherzigkeit Gottes bedeutet: Gott hat ein großes Herz für uns, wir liegen ihm am Herzen, auch und gerade dann, wenn wir spüren, wie arm und bedürftig, wie belastet und schuldig wir sind.

Die Tore der Barmherzigkeit wollen uns genau diese Erfahrung schenken. In unserer Bedürftigkeit finden wir bei Gott einen Raum, wo wir willkommen sind, so wie wir sind. Da muss ich nichts vorweisen, da brauche ich keine Fassade aufzubauen oder eine Maske zu tragen, um etwas von mir zu verbergen. So wie ich nun einmal bin, darf ich spüren: Bei Gott bin ich zu Hause!

In der Bibel gibt es die sehr bewegende Geschichte von der Begegnung Jesu mit einem Zöllner, Matthäus heißt er. Die Zöllner zur Zeit Jesu haben von den  Menschen oft mehr eingetrieben als nötig. So haben sie sich selbst sehr bereichert. Da sie als Israeliten mit der damaligen Besatzungsmacht – den Römern – zusammengearbeitet haben, standen sie in ihrem betrügerischen Verhalten unter dem Schutz der Römer. So galten sie als schwere Sünder. Jesus schaut so  einen Zöllner, schaut Matthäus an und sagt „Folge mir nach!“ Und er steht auf und folgt Jesus, lädt ihn ein in sein Haus und gibt ein großes Gastmahl. Ganz viele Zöllner und andere Sünder kommen und nehmen daran teil. Matthäus spürt, dass Jesus ihn als den sieht, der er eigentlich ist: Bild und Ebenbild Gottes. Und all die anderen spüren, dass sich in der Nähe Jesu ein Raum eröffnet, in dem sie sein dürfen, wie sie sind. Man könnte auch sagen, mit der Berufung des Matthäus wird seine Haustür zu einer heiligen Pforte der Barmherzigkeit, die viele Zöllner und Sünder in ihrer Bedürftigkeit anzieht und einlädt. Hier werden sie angeschaut mit den Augen Jesu, den Augen der Liebe. Hier dürfen sie sein, wie sie sind. Sie haben einen Ort, an den sie gehen können, wo sie willkommen sind. Und weil sie so sein dürfen, wie sie sind, müssen sie nicht bleiben, wie sie sind! Matthäus folgt Jesus nach – wird vom Zöllner zum Apostel.

Pforte der Barmherzigkeit an der Basilika St. Marien in Kevelaer

Oft bin ich in den letzten Monaten durch die für uns nächstliegende Pforte der Barmherzigkeit gegangen, an der Wallfahrtskirche in Kevelaer. Sie lädt uns ein, den Raum der Barmherzigkeit Gottes zu betreten und zu spüren, wie sehr wir ihm willkommen sind.

Regelmäßig darf ich als Priester in Kevelaer in der Beichtkapelle Menschen empfangen, die das Sakrament der Beichte empfangen möchten. Ich darf ihnen dann – ganz persönlich – die Liebe und Barmherzigkeit Gottes  zusprechen. Im Beichtgespräch öffnet Gott uns Menschen ganz persönlich, ganz individuell seinen Raum der Barmherzigkeit. So wird letztlich jede Tür, die in einen Raum führt, wo Menschen im Sakrament der Versöhnung Gottes Nähe und Liebe erfahren, zu einer „heiligen Pforte der Barmherzigkeit“. –

Beichtgespräch

Die großen heiligen Pforten in Rom und an den vielen Kirchen in der Welt – auch in Kevelaer – werden mit Ablauf des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit wieder geschlossen. Die Barmherzigkeit Gottes aber bleibt, die Türen seines Herzens bleiben geöffnet. Wir bleiben eingeladen, dies konkret und ganz persönlich zu erfahren im Betreten eines Raumes, in dem Gott uns seine Vergebung im Sakrament der Versöhnung zuspricht.

Sicherlich gibt es in unserer Kirche viele Weisen, die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren, seine Liebe zu spüren und sie mir zusagen zu lassen. Die sakramentale Form, bei der ein Priester das Wort der vergebenden Liebe Gottes in mein konkretes Leben hineinspricht, nimmt für mich einen ganz besonderen Platz ein. Hier spüre ich am deutlichsten die Barmherzigkeit Gottes und erfahre die befreiende Wirkung seines liebenden Blicks. In der Lossprechung spüre ich, was Papst Franziskus vor zwei Jahren bei der Ankündigung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit sagte: „Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigeit des Vaters.“ Und ich höre durch die Lossprechung hindurch das Wort Jesu an Matthäus: „Folge mir nach!“ So schenkt mir der Raum der Barmherzigkeit Gottes, den ich in der Beichte erleben darf, neuen Mut und Zuversicht für den alltäglichen Weg in der Nachfolge Jesu.

Ich möchte diese Gedanken zusammenfassen mit einem Gedicht von Andreas Knapp:

beichte

was geschehen ist
das bleibt geschehen
so sehr vergangenes vergehen
du auch bereuen magst
du drehst das rad der zeit
selbst mit gewalt und list
nicht einen finger breit
zurück
wenn DU jedoch
mit liebevollem blick
wirst meine hände fassen
und zu mir sagst
alles ist gut
so wird mir weit
und leicht zumut
und selbst das schuldenjoch
kann ich jetzt gut sein lassen
für alle ewigkeit